INTERVIEWS


Meister des Gefühls

Gespräch mit dem Dichter Hans Kruppa

Hans Kruppa, Sie sind ein Phänomen. In Zeiten wie diesen, in denen alles Lyrische hinweggefegt und vom Materiellen aufgesogen zu werden scheint, schreiben Sie Gedichte – und sind damit enorm erfolgreich. Kein anderer lebender Lyriker kommt auch nur annährend an Ihre Auflagenzahl von rund zwei Millionen heran. Woran mag es liegen, dass gerade Ihre Gedichte so beliebt sind?
Viele Menschen finden ihre eigenen Gefühle und Gedanken in meinen Gedichten wieder und erleben, dass ich ihnen mit meiner Poesie aus der Seele spreche. Dank der Briefe und Mails von Lesern weiß ich, dass meine Gedichte ermutigen, verzaubern, trösten, Hilfe leisten und schlafende Sehnsüchte wecken können.

Das Leben der meisten Menschen ist eher von der Prosa geprägt. Sie hingegen lassen nicht nach, Ihre Zeitgenossen zu einem poetischen Dasein zu motivieren. Welches ist denn der Vorteil eines solchen?
Sein weitaus größerer innerer Reichtum. Ein poetisches Dasein hat der Seele erheblich mehr zu geben als ein prosaisches. Der prosaische Mensch strebt danach, die Welt und das Leben mit den Mitteln des Verstandes zu begreifen und dadurch Orientierung und Sicherheit zu gewinnen. Der poetische Mensch schätzt den Verstand nicht gering, sieht aber die Wirklichkeit vor allem mit den Augen der Seele und des Herzens und gewinnt dadurch Zugang zu tieferen und wertvolleren Dimensionen des Lebens, als es dem Prosaiker möglich ist.

Poesie bedeutet auch Harmonie und Harmonie bedeutet Verständnis für den anderen. Beides scheint heute immer mehr verloren zu gehen. Die Gesellschaft ist zwar sehr individualistisch, aber auch sehr ichbezogen. Wie könnte es gelingen, zu einem Wir zurückzukehren, das die Schwachen nicht automatisch ausgrenzt?
Vielleicht durch ein tieferes Verständnis der Liebe, die wie keine andere Kraft dem Egoismus seine innere Leere bewusst macht – was ein Grund für die Unbeliebtheit der Liebe ist, denn der Egoist lässt sich nicht gern zeigen, dass sein ständiger Kampf um persönliche Vorteile einen argen Nachteil mit sich bringt: seelische Aushöhlung und Verarmung. Wer liebt, denkt an den anderen, fühlt mit dem anderen, er teilt sein Leben – und lebt so wesentlich reicher als derjenige, der immer nur nimmt.

Wenn man an einen Dichter denkt, so stellt man sich ihn sich immer ein bisschen wie das Klischee von Spitzweg vor. Können Sie dies widerlegen oder stimmt das Bild vom weltabgewandten Denker doch?
Um einen guten Blick auf die Welt zu haben, muss man in der Lage sein, sich von ihr zu distanzieren. Wer direkt vor einem Berg steht, kann dessen Höhe nicht ermessen. Insofern ist Weltabgewandtheit, Weltferne eine Voraussetzung der Welterkenntnis. Andererseits muss man sich auch der Welt zuwenden und ihr Geschehen aus der Nähe betrachten, um einen umfassenden Eindruck zu gewinnen – und letztlich herauszufinden, welche Entfernung oder Nähe man zu ihr einnehmen will. Das Klischee von Spitzweg ist insofern noch immer zutreffend, dass man auch heute als Dichter in der Regel nicht genug Geld verdient, um das Dach seiner Bleibe abdichten lassen zu können. Für einen Regenschirm reicht es.

Der Dichter ist auch ein Sinnbild für den verständnisvollen, sensitiven Menschen, ein Gegenentwurf zum rücksichtslosen, machthungrigen Realo, dem es einzig um die Erfüllung der Bedürfnisse und ein möglichst angenehmes Leben geht. Ist der Dichter tatsächlich reiner Idealist oder gibt es bei ihm auch eine Seite, die eher prosaisch zu nennen ist?
Wohl kein Mensch, auch kein Dichter, ist ein reiner Idealist, sonst könnte er nicht überleben. Bis zu einem gewissen Grad muss er auch ein Realist sein, um sich in der Welt behaupten zu können. Doch seine Ideale, seine Sensitivität und sein Tiefsinn bewahren ihn vor Rücksichtslosigkeit und Ichsucht. Ich vermute, dass jeder Dichter eine prosaische Seite hat. Ich habe sie auf jeden Fall, zumal ich auch Prosa schreibe.

In den letzten 30 Jahren ist in den Industrienationen das Bedürfnis nach Spiritualität enorm gestiegen. Ist das eine Reaktion auf den Wohlstand, der uns alle hier umgibt oder gibt es doch etwas wie eine Sehnsucht nach letztendlicher Wahrheit?
Das gewachsene Bedürfnis nach Spiritualität resultiert zum einen aus der Erfahrung, dass materieller Wohlstand das Herz nicht sättigen, die Seele nicht befriedigen kann. Wer sich der Spiritualität zuwendet, sucht emotionalen Wohlstand, seelischen Reichtum. Er ahnt, dass es einen tieferen Sinn seines Lebens gibt und macht sich auf den Weg, ihn zu entdecken. Zum anderen ist es gerade der Wohlstand und die damit verbundene materielle Existenzsicherheit, die den Menschen ermöglicht, ihre Sehnsucht nach einer höheren Wahrheit hinter den Kulissen des Offensichtlichen wahrzunehmen und ihr nachzugehen.

Wohin wird der Weg des Menschen führen? In den Untergang – wegen nuklearer Gefahren und Umweltkatastrophen – oder ins "Licht" – wegen einer nicht zu leugnenden Bewusstwerdung?
Ich hoffe das Beste und fürchte das Schlimmste. Der Mensch geht einen gefährlichen Weg, der von einer bedrohlichen Gefährdung und Zerstörung menschlicher Lebensgrundlagen geprägt ist. Ich sehe noch keine überzeugenden Anzeichen dafür, dass er diesen Weg verlassen wird. Es ist denkbar, dass er ihn so weit wie irgend möglich gehen wird, um ihn erst dann aufzugeben, wenn er einen Schritt vor dem Abgrund steht. Es könnte dieser Blick in den Abgrund sein, der ein Umdenken und Umfühlen bewirkt, das schon längst fällig ist.

© Diners Club Magazin 2007


"Ich schätze die Freiheit und den Müßiggang"

Wie kam es dazu, dass Du dieses Buch über das Tao geschrieben hast?
Durch einen sogenannten Zufall. Im Sommer 2007 fielen mir beim Aufräumen eines Bücherregals ein paar Bücher runter, ich fing eins davon reflexartig auf, und das war eine schmale Sammlung von Gedanken und Geschichten des weisen und wunderbaren Tschuang Tse.

Was hat Dich inspiriert?
Ich las in diesem Buch, war wieder fasziniert von den Gedanken Tschuang Tses, und dabei kam die Inspiration, einen Roman über ihn zu schreiben. Hätte ich nicht dieses schmale Buch aufgefangen, wäre „Das Geschenk der Sterne“ nicht entstanden.

Was hat Dich an dem Thema gereizt?
Die Chance, die poetische und tiefe Weisheit dieses faszinierenden Philosophen so in eine unterhaltsame fiktive Handlung einzubinden, daß der Mensch Tschuang Tse dadurch zu neuem Leben erweckt wird.

Wie hast Du Dich vorbereitet?
Ich habe alle überlieferten Texte von Tschuang Tse gelesen, mehr als einmal. Dann eine Reihe von Büchern über ihn. Und zuletzt habe ich alles studiert, was über die Zeit bekannt ist, in der Tschuang Tse lebte, um mir die nötigen Kenntnisse über seinen historischen Hintergrund zu verschaffen.

Vertrittst und lebst Du die Lehren des Taoismus?
Ich lebe nicht nach einer Lehre. Tschuang Tse selbst verstand seine Erkenntnisse nicht als Lehren, er wollte auch keine Schüler haben. Dennoch – oder vielleicht gerade deshalb – war er einer der größten Weisen der chinesischen Geschichte. Ich habe so manches Gute aus der schriftstellerischen Beschäftigung mit Tschuang Tse für mein Leben mitgenommen. Tschuang Tses Weisheit und das, was gemeinhin unter Taoismus verstanden wird, sind allerdings zwei verschiedene Dinge.

Bist Du ein Mann des Tao?
An manchen Tagen mehr, an anderen weniger. Ich lasse lieber den Dingen ihren Lauf, als sie zu planen. Schätze die Freiheit und den Müßiggang sehr hoch. Glaube, daß die bedeutenden Ereignisse geschehen, wenn die Zeit oder man selbst reif dafür ist. Daß man sie nicht erzwingen oder sich erarbeiten kann.

Wenn ja, wie äußert sich das?
In einer eher ruhigen, gelassenen Lebenshaltung.

Deine Geschichte spielt zwar im alten China, lässt sich aber in ihren Aussagen problemlos auf die Gegenwart übertragen. Wie lässt sich Deiner Meinung nach der Taoismus in der heutigen und vor allem in der westlichen Welt umsetzen?
Wie gesagt, Tschuang Tses Weisheit und das, was sich als Taoismus ausgibt, sind zwei verschiedene Paar Schuhe. Mich interessiert vor allem Tschuang Tse. Ich meine, daß sich seine Weisheiten durchaus hier und heute umsetzen lassen, zumindest bis zu einem gewissen Grad. Auf jeden Fall ist es den einen oder anderen Versuch wert.

Ist das überhaupt möglich?
Ja, sicher ist es möglich, sich von den Worten eines weisen Mannes inspirieren zu lassen und mit dieser Inspiration sein tägliches Leben zu betrachten. Und womöglich zu verbessern.

Es heißt beispielsweise, dass in der Nutzlosigkeit Nutzen liegt. Wie lässt sich denn konkret eine solche Nutzlosigkeit in einer von Arbeit und Leistung bestimmten Welt ausleben?
Konkret nur da, wo wir frei genug sind, um nicht nützlich sein zu müssen. Wo wir die Dinge um ihrer selbst tun oder lassen können.

Was macht für Dich die Kunst des Schreibens aus?
Der sensible, geduldige und intensive Umgang mit den Möglichkeiten der Sprache, gepaart mit einer guten Portion Phantasie und Fabulierlust.

Warum hast Du es zu Deiner Kunstform gemacht?
Weil das Schreiben mich fasziniert. Nachhaltig und unerschütterlich.

© Rike Oehlerking, Bremer – Die Stadtillustrierte 8/2010
(Gekürzte Fassung)


Auf den Spuren von Tschuang Tse

Sie hätten sich entscheiden können, über Tschuang Tse eine Romanbiografie zu schreiben. Tatsächlich erzählen Sie aber nur von drei Tagen aus seinem Leben. Warum?
Vieles bei der Entstehung dieses Buches ist unbewusst oder intuitiv abgelaufen. Der Schreibprozess verlief taoistisch: ziellos, planlos. Warum ich über nur drei Tage in seinem Leben geschrieben habe, kann ich Ihnen rational nicht begründen. Es hat sich so ergeben. Ich hatte das Gefühl, dass diese kurze Zeitspanne und drei Hauptpersonen genügen würden, um die faszinierende Weisheit dieses Mannes zu vermitteln, um sie in eine spannende Handlung einzubinden, die dem heutigen Leser entgegenkommt.

Daraus entnehme ich, dass Sie die Geschichte nicht vollständig im Kopf hatten, als Sie mit dem Schreiben begannen, sondern sich vielmehr einfach leiten ließen?
Ja, so war es. Ich hatte natürlich schon manches über und alles von Tschuang Tse gelesen. Er lebte in einem Land, über das ein Tyrann herrschte. Mir kam der Gedanke, dass mein Roman so beginnen könnte: Ein tyrannischer Landesherrscher schickt einen Soldaten zu Tschuang Tse, um ihn zu töten, weil er ihn wegen seines freien Denkens für einen gefährlichen Mann hält, für eine mögliche Bedrohung seiner Macht. Also muss Tschuang Tse sich auf die Flucht begeben, um sein Leben zu retten, und so kann eine spannende Handlung entstehen. Alles Weitere hat sich dann im Lauf des Schreibprozesses entwickelt.

Es brauchte sicherlich auch einiges an Recherchearbeit.
Ja, natürlich musste ich mir das nötige historische Hintergrundwissen aneignen. Über Tschuang Tses Zeit ist allerdings nicht allzu viel bekannt. Es war eine Epoche, die von permanenten Kriegen geprägt war, die so genannte „Zeit der Streitenden Reiche“. Zugleich war es eine Zeit geistiger Neuerungen und dynamischer sozialer Fortschritte. Die Armbrust und der Kompaß waren erfunden worden. Der Handel florierte, Geld kam in Umlauf. Tschuang Tse betrachtete die neuen Erfindungen mit Skepsis. Das Geld empfand er als die schrecklichste Erfindung von allen, weil es die Besitzgier des Menschen ins Grenzenlose steigert. Solange es kein Geld gab, blieben die materiellen Ansprüche zwangsläufig gering. Zu Tschuang Tses Zeit gab es also schon kapitalistische Sozialstrukturen. Ausbeutung, Geldgier, Machtstreben, Materialismus, die Entfremdung des Menschen von sich selbst. Im Grunde gab es alles schon im Ansatz, worunter unsere heutige Welt leidet und krankt… Die Menschen haben heute zwar eine hochentwickelte Wissenschaft und Technik, aber nicht die Weisheit, sie verantwortungsvoll zu nutzen. Das nennt Tschuang Tse den Fluch des weisheitslosen Wissens. Das Wissen ist immer größer geworden, doch die Weisheit ist nicht mit ihm gewachsen. So ist inzwischen eine Situation entstanden, in der die Menschheit ihre eigene Existenz gefährdet.

Über Tschuang Tses Zeit ist nicht viel überliefert. Was weiß man eigentlich über ihn?
Dass er auf der materiellen Ebene in Armut lebte, was er aber nie als Schande oder schlimm empfand, sondern als den Preis der Freiheit und Muße, den er bereit war zu zahlen. Zeitweilig hat er in einem Lackbaumgarten als Aufseher gearbeitet. Auch als Sandalenmacher hat er angeblich eine Weile seinen Unterhalt verdient. Er führte einfache handwerkliche Tätigkeiten oder anspruchslose Aufgaben aus, um sich finanziell über Wasser zuhalten. Er hätte allerdings auch ein ganz anderes Leben wählen können. Seine Weisheit hatte sich so weit herumgesprochen, dass der König eines Nachbarlandes eine Delegation zu ihm schickte, um ihm anzubieten, als Minister an seinen Hof zukommen. Der Herrscher bot ihm dafür viele Goldstücke, Macht und Ruhm. Auf die Frage, ob dies wahr sei, antwortet Tschuang Tse: „Ja, aber diesen Versuch hätte er sich sparen können. Ich habe ihm ausrichten lassen, ich wolle lieber als kleines Kälbchen im Hinterhof leben, als zum Tempelochsen zu werden, den man füttert und ziert, um ihn dann zu opfern.“ Er wusste: Der wichtigste Reichtum liegt im Inneren, im Bewusstsein, in der Seele.

Tschuang Tse lehnt es in Ihrem Buch ab, seinen Reisebegleiter Min Teng als Schüler anzunehmen. Er begründet dies damit, dass er einerseits nicht auf alles eine Antwort wisse und andererseits, dass seine Schüler das Gehörte unterschiedlich interpretieren würden. Ist es das, was einen wahren Weisen ausmacht?
Die Ablehnung der Lehrerrolle ist zumindest ein Indiz für wahre Weisheit. Im Gegensatz etwa zu Konfuze, der zahlreiche Schüler um sich versammelte, schätzte Tschuang Tse seine Freiheit und seinen Seelenfrieden. Er wollte keine Jünger um sich haben, von denen jeder seine Worte anders interpretieren würde. Das zeigt, dass er wirklich ein Mensch des Tao war, dass es ihm nicht um Ruhm und Ansehen ging. Auch Zukunftspläne waren ihm fremd… Ich glaube, dass Tschuang Tse, der ein ausgesprochen spiritueller Mann war, aber kein Lehrer sein wollte, gerade deshalb ein Leitbild für uns sein kann. Er ist ein Mensch, der uns ermutigt, eigenständig und selbstverantwortlich spirituelle Erfahrungen und Einsichten zu suchen – und dabei innerlich frei zu bleiben. Für ihn sind Spiritualität und innere Freiheit untrennbar miteinander verbunden.

© Claudia Hötzendorfer, Visionen 7/2010
(Gekürzte Fassung)


"Das einzig Sichere im Leben ist die Unsicherheit"

Sie leben in Bremen, aber eigentlich kommen Sie aus Marl, Sie sind ein Ruhrgebietskind.
Ich bin gebürtiger Westfale. Und ich erinnere mich sehr gern an meine Kindheit in Marl. Es war eine glückliche Kindheit in den 50er Jahren. Die Straße gehörte uns Kindern, es gab eine große Wiese, dahinter lag direkt der Wald, ich bin sehr naturverbunden aufgewachsen. Wir haben sehr viel gespielt. Ich hab schon mal gedacht, ob ich darüber nicht was schreiben sollte...

Haben sie denn schon als Kind Geschichten und Märchen geschrieben?
Ich hab gern Aufsätze geschrieben. Aber auch nur, wenn mir das Thema gefiel. Nur dann gab es auch eine gute Note. Dass das Schreiben zum Bedürfnis wurde, geschah erst, als ich 18, 19 Jahre alt war.

Viele beginnen ja in der Pubertät mit dem Gedichte-Schreiben.
Das war bei mir nicht so. Ich habe Science-Fiction-Romane gelesen und war begeisterter Tennisspieler.

Eine Eigenheit ihrer Gedichte ist, dass man sie im Gegensatz zu der meisten modernen Lyrik auf Anhieb versteht.
(lacht) Ich könnte sicherlich auch intellektuell und unverständlich schreiben. Aber das ist nicht meine Philosophie. Ich will doch niemandem eine Denksportaufgabe stellen! Was ist denn ein Gedicht? Ein weiser Mann sagte einmal: Ein Mensch öffnet sein Herz und spricht aus seinem Herzen. Alles im Leben lässt sich doch einfach und klar betrachten und auch einfach und klar in Worte fassen, selbst die tiefsten Einsichten. Das ist allerdings eine Kunst, die nicht von allen geschätzt wird.

Ihr neues Buch heißt "Das Leben hat täglich Geburtstag". Wie feiern Sie das Leben?
Das einzig sichere im Leben ist die Unsicherheit. Ich habe eine zentrale Erfahrung gemacht. Vor einigen Jahren ist die Tochter eines Freundes im Alter von zwei Jahren gestorben. Da gab es dieses starke Gefühl: Es kann jeden Augenblick zu Ende sein. Man muss jeden Augenblick als Geschenk betrachten. Dafür muss man nicht jeden Tag partymäßig durch die Wohnung tanzen. Aber jeden Tag ein paar Minuten innehalten, dankbar sein und sich sagen: Es geht mir gut, ich bin gesund, und ich freue mich an meinem Leben.

Sind Sie religiös?
Eher spirituell. Konfessionslos, aber aufgeschlossen für Erfahrungen, für die Erkenntnis, dass es Dinge gibt, die der Verstand nicht begreift.

Wie die Liebe? Ihr zentrales Thema?
Ja, oder die Intuition. Wenn das Telefon klingelt und jemand ist dran, an den man eine Minute vorher gedacht hat. Ich habe viele solcher übersinnlichen, magischen Erfahrungen gemacht. Und das ist doch der Sinn unseres Lebens, dass wir offen sind für neue Erfahrungen.

© Sabine Müller, Münstersche Zeitung, 18.06.2008


Verschenkbar heißt nicht unliterarisch

Dem Geschenkbuch begegnen viele Buchhändler noch mit Skepsis. Das sei ja keine Literatur, ist häufig zu hören.
"Verschenkbar" ist kein Synonym für "unliterarisch". Ein Lektor sagte mir vor kurzem, dass jedes zweite Buch mit der Intention gekauft werde, es zu verschenken. Wenn das stimmt, wäre das Geschenkbuch einer der wichtigsten Buchtypen im Sortiment.

Die hohen Auflagen Ihrer Bücher sprechen dafür. Fühlen Sie sich als Autor unterschätzt?
Nein, aber ich empfinde mich nicht als "Geschenkbuchautor", ich bin einfach ein vielseitiger Autor, der über das schreibt, was ihn beschäftigt und fasziniert. Durch meine Gedichte haben viele Leser überhaupt erst einen Zugang zur Lyrik bekommen, die bekanntlich ein Stiefkind des Buchhandels ist. Über meine Homepage bekomme ich sehr viel Feedback von Lesern, selten von Buchhändlern, denen sicherlich auch die Zeit fehlt, die Bücher zu lesen, die sie verkaufen. Von der Resonanz meiner Leser bin ich immer wieder überwältigt.

Wie erklären Sie sich den dauerhaften Erfolg?
Vor allem dadurch, dass meine Texte authentisch sind und keinem Marketingkonzept folgen. Ich habe beim Schreiben auch nicht den therapeutischen Effekt im Sinn, den mir Leser immer wieder bestätigen, die in Lebenskrisen durch meine Bücher neuen Mut gewonnen haben. Dass mein Name inzwischen einen gewissen Bekanntheitsgrad erreicht hat, erkläre ich mir in erster Linie durch Mundpropaganda.

© BuchMarkt 2002


© an den Photos by Hans Kruppa